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Samstag, 20. Oktober 2007Merkt hier eigentlich noch irgendwer was? Am Donnerstag veröffentlicht die FAZ einen Artikel von einem gewissen David R.L. Litchfield, der über eine Feier bei Thyssens kurz vorm Ende des Zweiten Weltkriegs berichtet, auf der »zur Unterhaltung der Gäste zweihundert Juden ermordet« worden seien. Was ist das denn bitte für eine krasse Geschichte? Wo kommt die denn her? Das klingt wie ein schlechter Horrorfilmplot, den man natürlich erstmal ernst nehmen muß, zumal die FAZ ja gemeinhin nicht als Revolverblatt gilt. Für den Perlentaucher hat Anja Seeliger weitere Kommentare zusammengestellt. Das Massaker hat es tatsächlich gegeben, es ist auch schon seit längerem bekannt, doch besonders seriös scheint die nun veröffentlichte Darstellung nicht zu sein. Aber weiter. In der Nacht auf Freitag gab es in Pakistan einen verheerenden Anschlag auf den Triumphzug von Benazir Bhutto, bei dem mindestens einhundertdreißig Menschen gestorben sind, während die Politikerin nur mit Glück überlegt hat. Eine unfaßbare Nachricht, die ich den ganzen Tag nicht begreifen konnte, weshalb ich um neunzehn Uhr Heute geguckt habe. Doch worüber berichten die an prominenter Stelle? Daß Europa jetzt endlich so was wie eine Verfassung (was ja nicht mehr so heißen darf) bekommt und das alle Staatschef fröhlich mit Schampus anstoßen. Ja, toll, wichtig, aber was war denn nun in Pakistan? Nebenan beim Perfekten Dinner wird schon die Vorspeise serviert, als das ZDF endlich mal aus Pakistan berichtet hat. Schlauer wird man als Zuschauer davon aber nicht gerade. Der Reporter steht neben einem Auto, an dessen Kühlerhaube man die Wucht der Nagelbombe nachvollziehen soll. Was ist hier eigentlich los? Also hier auf der Welt! Mit was für einem Eierbecherhorizont laufen wir denn inzwischen rum? Ist selbst der Nachrichtenwert eines solch krassen Terroranschlags inzwischen so gering? Währenddessen haben die diesjährigen RAF-Feierlichkeiten in schaurigen Jahrestag von Mogadishu, Stammheim und Mulhouse überschritten, überwunden ist dieses Stück Nachkriegsgeschichte jedoch noch immer nicht. Die Relationen hängen hierzulande so schlief, daß sowieso keiner mehr gerade sehen kann.
Als ich am Dienstag bei der MaraBühne einen Text vorgelesen habe, der
ein Versuch war, eigene traumatische Erlebnisse in einer urologischen Praxis
zu verarbeiten, kam hinterher einer an und hat mich Samstag, 13. Oktober 2007Gestern wurde Maxim Billers umstrittener Roman Esra vom Bundesverfassungsgericht endgültig verboten, weil darin Persönlichkeitsrechte verletzt worden sein sollen. Getreu dieser Maßgabe gehörten gewiß etliche Regalmeter Weltliteratur auf den Prüfstand, Thomas Manns Zauberberg und Goethes Werther hätten wahrscheinlich nie erscheinen dürfen. All dies ist an anderen Stellen fundiert und ausführlich dargestellt worden. Nachträgliche Verbote wird es wohl nicht mehr geben und auch Mephisto von Klaus Mann ist glücklicherweise inzwischen frei erhältlich, doch das Urteil gegen Billers Buch richtet sich sowieso vor allem gegen kommende Werke. Nun scheint es in Esra, einem Buch, das die meisten von uns nicht kennen, besonders leicht zu sein, die realen Personen wiederzukennen, aber genauso wie sich Leserinnen und Leser immer mal wiederzuerkennen glauben in Büchern, werden auch Bekannte des Autors oftmals den Eindruck haben, porträtiert worden zu sein, schon weil gewisse Verhaltensmuster und Charaktereigenschaften eben immer wieder auftreten. Für einen Schriftsteller ist es nicht zu vermeiden, Ähnlichkeiten mit sich und seinem Umfeld literarisch umzusetzen, was meistens unbeabsichtigt und zufällig geschieht und nur durch die Veränderungen der Raum- und Zeitbedingungen auf Abstand gehalten werden kann. Ein banales Beispiel: Ich möchte beschreiben, wie ein Person raucht. Daher achte ich bei einem Treffen mit Freunden darauf, wie diese ihre Zigaretten drehen, anzünden, daran ziehen, abaschen, sie zwischen den Fingern halten und so weiter. Ich beobachte mehrere Personen. Mir ist in diesem Moment völlig egal, wer diese Personen sind, ihr Rauchverhalten muß lediglich zu meiner Figur passen. Vielleicht gefällt mir bei meiner Beobachtung auch die Art, wie der reale Mensch lacht oder in sein Glas guckt, bevor er daraus trinkt, so daß ich diese Verhaltensmuster ebenfalls zu Verhaltensmustern meiner fiktiven Figur mache. Und obwohl es auf der Welt unzählige Menschen gibt, auf die dies genauso zutrifft, werden mein Vorbild und auch alle gemeinsamen Bekannten beim Lesen des Textes glauben, ich beschreibe da genau ihn oder sie, zumal ja jeder, der einen Autor näher kennt, versucht, Reales zu identifizieren. Die Raucheigenschaften dürften mir als Verfasser noch nicht zum Verhängnis werden, wenn dann aber noch anderes Ähnlichkeiten aufweist, weil ich vielleicht auf gemeinsame Gespräche zurückgreife oder einfach in meinem Freundeskreis geläufige Geschichten und Ansichten wiedergebe, die keinesfalls privat oder intim sind, könnte es langsam heikel für mich werden. Ganz heikel – und hier sind wir wieder bei Biller – könnte es werden, wenn ich über eine sexuelle Beziehung schriebe, würden doch alle, die real Sex mit mir hatten, aufhorchen und gucken, ob sie nicht irgendwelche pikanten Details wiedererkennen. Und das dürfte nicht so schwer sein, denn in manchen Gebieten ist man wirklich auf seine eigenen Erfahrungen angewiesen, die im Moment des Schreibens zwar ein Eigenleben bekommen, aber eines, das sich schwer nachweisen läßt. Wolfgang Hoffmann-Riem, einer der drei Verfassungsrichter, die gegen das Urteil gestimmt haben, schreibt in seinem Sondervotum: »Ein Autor, der, wie vorliegend, die betroffene Person aus eigenem sexuellen Erleben kennt, hat nach den Maßgaben der Mehrheit [des Gerichts] praktisch keine Möglichkeit, die Darstellung von Sexualität so zu fiktionalisieren, dass der verfassungsrechtliche Schutz greift.«* Gerade das Beschreiben von Sexualität gehört zu den heikelsten und schwierigsten Aufgaben eines Schriftstellers, aber manche Geschichten kommen tatsächlich nicht ohne derartige Passagen aus, denn es ist doch weltfremd, eine Beziehung zu beschreiben unter Auslassung der Intimitäten. Wie aber soll man etwas realistisch darstellen, wenn einem gerade das hinterher zum Verhängnis werden kann?
* Zitiert nach Heribert Prantl: Die Kunstrichter von Karlsruhe. Süddeutsche Zeitung, 13. Oktober 2007
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