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Montag, 29. Oktober 2007
Es gibt Lieder, die man nie wieder vergißt. Man hört sie vielleicht
jahrelang nicht, sie gehören aber trotzdem zum persönlichen Soundtrack
und können zu entsprechenden Gelegenheiten abgerufen werden. Einer
dieser Songs geistert inzwischen seit fünfzehn Jahren in meinem
Musikboxkopf umher, er stammt von der insgesamt wunderbaren CD
Beckett & Buddha, eins der schönsten Alben der frühen neunziger
Jahre, nur leider kennt kaum jemand die Künstlerin. Barbara Gosza hat
nicht nur schöne Lieder geschrieben, sondern singt diese auch großartig
mit dunkler und doch klarer, emotionsgeladener Stimme. "Sometimes I like
to hate you", heißt es zu Beginn jenes Liedes, das ich so liebe (und das
meine auch wirklich so), "sometimes I like to hate you, how much I long
for you, how much away", und damit ist die Misere schon gut angerissen,
die schließlich in dem Kehrreim "Like a heartbeat you belong to me"
gipfelt. Denn ja, hier wird gar nicht wirklich gehaßt, der Haß ist nur
Ausdruck unbedingter Liebe, und eigentlich bloß so dahin gesagt. Sie
würde den Geliebten gerne hassen, aber das geht natürlich nicht, sonst
wäre er ja nicht der Geliebte, der ihr so nah ist wie das eigene Leben.
Vielleicht drückt sich hier aber auch die Unsicherheit einer frisch
Verliebten aus, wenn die Zweifel zu wuchern beginnen während der
quälenden Abwesenheit des begehrten Subjekts. Natürlich wächst Liebe
eigentlich erst in der Entfernung, aber aus der Distanz wirkt vieles
erstmal ziemlich klein. Bezeichnenderweise findet Gosza für die Liebe
immer wieder neue Bilder, anstatt sie direkt zu benennen, "sometimes I
long to touch you, how much I burn for you, how much away", und selbst
der Haß ist hier im Grunde bloß eine Metapher für das Lieben. Es scheint
– und an dieser Stelle werde ich zum Sonntagsprediger und bitte dafür um
Nachsicht – es fällt uns leichter, unseren Haß zu artikulieren als
unsere Liebe. Ich selbst ertappe mich mitunter dabei wie ich sage, daß
ich dies und jenes hasse, obgleich es mir im Grunde fast egal ist. Wenn
ich sage, ich hasse Rosenkohl oder Sprühregen oder lange Wartezeiten
oder Kamillentee oder Hundescheiße am Schuh oder Schnupfen oder Mario
Barth, dann ist das nicht nur übertrieben, es ist sogar falsch. Ich
verachte manches, es gibt Menschen, die ich hoffentlich nie wieder
treffe, weil ich ihnen sonst gerne ins Gesicht spuckte, dies aber nie
täte aus falschem Anstand oder aus Feigheit und deswegen eher in
Selbsthaß ausbrechen müßte (was ich nicht täte). Ich hasse ja nicht mal
Hitler oder irgendwelche lebenden Despoten, ich kann sie nur nicht
ausstehen. Doch bin ich nicht der einzige, der den Haß zu leicht auf die
Zunge nimmt. Da werden Kardinäle schon mal zackzack zu Haßpredigern
erklärt, und eine Elektromarktkette behauptet: »Wir hassen teuer«, was
schon formal fragwürdig ist, vom Inhalt ganz zu schweigen. Aber was soll
man auch von Leuten erwarten, die Geiz früher geil fanden und jetzt
gelernt haben, die Technik zu lieben? Doctor Strangelove läßt grüßen
oder wie? Und auf der anderen Straßenseite behaupten sie ja seit Jahren,
Hackklopse mit Eisbergsalat zwischen Weichschrippenhälften zu lieben.
Kein Wunder, daß uns die wahren Emotionen abhanden kommen. Wir sind so
was von powered by emotions, das wir wahrscheinlich schon Seitenstiche
als Herzschmerzen fehlverstehen, so daß uns die Worte für wahre Gefühle
längst suspekt vorkommen. Heute schreibt man HDGDL und wird von den
meisten Leuten sogar verstanden, wenn auch von vielen nicht
ernstgenommen. Da halte ich es doch lieber mit Barbara Gosza. Aber nicht
einmal jenes unechte Hassen will mir gelingen, jedenfalls nicht derzeit,
dafür ist in meinem Gefühlshaushalt gerade kein Platz frei. Und wäre ich
wirklich ein Sonntagsredner an diesem schönen Oktobermontag, würde ich
nicht versäumen, auf diese eine Stelle in Paulus’ ersten Brief an die
Korinther hinzuweisen. Doch ich, als der, der ich bin, schaue mir lieber
an, wie der Baum vor meinem Fenster seine Blätter verliert und erwäge,
sie ihm wieder anzukleben. Einfach nur so und aus purer Lust am Leben.


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