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Montag, 16. August, 21.23

Manfred Maurenbrecher ist dieses Jahr sechzig geworden, und genau die Hälfte seines Lebens hat er auf Bühnen gestanden. Natürlich nicht andauernd, aber beständig. Es war also höchste Zeit, ihn zu ehren. Und weil’s irgendwer tun muß, haben Andreas Albrecht, Heiko Werning und ich versucht, möglichst viele Freunde, Weggefährten und Bewunderer Manfreds zusammenzubringen, um für eine Hommage einige seiner Lieder neu aufzunehmen. Es hat eine Weile gedauert, doch in einem Monat erscheint endlich Maurenbrecher für alle, eine Box mit drei CDs mit insgesamt 62 Stücken. Mehr hätte gar nicht raufgepaßt.

An dieser Stelle erlaube ich mir hemmungsloses Namedropping. Mit dabei sind nämlich: Reinhard Mey, die Popette Betancor, Klee, Erwin Grosche, MJ Hibbett, Jakob Hein, Konstantin Wecker, Elis, Boris Steinberg, Nessi Tausendschön, die Frühschoppboys, Veronika Fischer, Doc Schoko feat. Frau Keller, Corinne Douarre, Heiko Werning und die Kiersch-Kapelle, Sascha Gutzeit, Peter Butschke, Andreas Gläser, der Chor der Grundschule am Rüdesheimer Platz (die Manfred einst besucht hat), Klaus Lage, Judith Hermann und Udo Mader, Danny Dziuk, Di Chuzpenics, George Nussbaumer, Andreas Albrecht, Judith Gorman, Jan Koch, Stefanie Kerker, Hannes Wader, Nikolić, Ahne, Lüül, Daniela Böhle & Bov Bjerg, Anabell Berger, Dan Richter, Sebastian Krämer, Falko Hennig, Marco Tschirpke, die Brauseboys, Die Passanten, Roger Trash, der Avocadoclub, Götz Alsmann, Tube, Volly Tanner, Andrea Badey, Horst Evers & Benedikt Eichhorn, Claudia Nentwich, Martin Goldenbaum, Hansa Czypionka & General Cluster, Joana Emetz, die Reformbühne Heim & Welt, Dieter Dehm, Francis D.D. String & Die Liedertour, Wendelin Haverkamp, Heinz-Rudolf Kunze, Ulla Meinecke, Ivo Lotion & Die Mariachis, Purple Schulz, Barbara Thalheim & Jean Pacalet sowie Richard Wester & Käptain Kümo’s Marching Band.

Eine illustre Runde also, die beweist, wie gut Manfreds Lieder sind, denn egal, wer sie wie singt, sie sind alle wunderbar. Durch die neuen Versionen kommen aber teilweise ganz neue Facetten zum Vorschein. Diese vier Stunden sind alles, nur niemals langweilig. Zu kaufen sind die CDs unter anderem dort, wo ich auftrete, bei Manfreds Konzerten und ab dem 1. Oktober überall, wo es gute Platten gibt und auch hier beim notorischen Gemischtwarenhändler.

Ich habe übrigens Manfreds fast 25 Jahre alten Hit Halbwertzeit gecovert, den ich schon als Heranwachsender irgendwie gut fand. Oberflächlich betrachtet, ist der Text gnadenlos überholt. Es geht um Waldsterben, Aids und Tschernobyl, aber eben auch darum, daß jedes Thema seine Halbwertzeit hat, bis sich weder Medien noch Protestsongschreiber mehr dafür interessieren. Bei der Produktion hat mir das tolle Punksampleduo protokumpel mehr als nur geholfen.

 

Anmerkung vom 24. August: Ich hatte mich bezüglich des offiziellen Erscheinungsdatums geirrt und bitte, dies zu entschuldigen. Näheres über das Album erfährt man demnächst hier.

 

Anmerkung vom 31. August: Es ist ein Kreuz! Offiziell mag die CD noch nicht erschienen sein, doch sie ist ja schon da. Und deswegen steht sie auch schon in den Läden.

Dienstag, 10. August, 1.37

So vor zwanzig Jahren habe ich mal von einer S-Bahn-Party gehört. Eine Horde junger Menschen stürmte einen S-Bahnwagen und machten ihn zum Festwaggon. Sie hatten Bierkästen dabei, einen Ghettoblaster und vielleicht noch ein paar Dekoelemente. Vorhandene Fahrgäste mußten mitfeiern, ob sie wollten oder nicht.

Seitdem wollte ich auch gern einmal so eine Guerillaparty mitmachen. Anfang der Neunziger planten ich und zwei, drei Gleichgesinnte eine U-Bahnsilvesterparty mit Palettenbier, Knabberkram und Luftschlangen. Leider wollten keiner unserer Freunde mit uns fahren. Weshalb wir damals am Ende einer halblangen Nacht in diversen Verkehrsmitteln auf einer zweifelhaften Feier in Lübars verendet sind. Meine einzige Freude ist ein Laib Graubrot gewesen, dessen Geschmack mich so betört hat, daß ich ihn nicht bloß die ganze Zeit mit mir rumgetragen habe, nein, ich mußte zudem noch jeden nötigen, von dem Brot zu kosten.

Erst neulich erfuhr ich durch Zufall, daß ein mir gut bekannter Weddinger Zampano damals bei der eingangs erwähnten S-Bahnparty dabeigewesen ist. Sofort blühte die alte Idee erneut in mir auf. Um am nächsten Tag gleich wieder zu verwelken.

Am Wochenende war es endlich soweit. Ich war mitten drin in einer U-Bahnparty. Eine Horde junger Menschen stürmte am Bahnhof Warschauer Straße einen Waggon, klebte gelbe Müllsäcke vor die Lampen, hängte eine kleine Diskokugel auf, wuchtete Sternburgkästen auf die Sitze und stellte eine Box daneben, aus der sehr laute Elektrobeats dröhnten. Der Zug setzte sich in Bewegung. Die Gruppe kreischte, die Gruppe tanzte ein wenig, die Gruppe fotografierte sich gegenseitig mit ihren iPhones. Alle waren bester Laune. Nur einer nicht.

Ich war nämlich gegen Mitternacht übermüdet, aber fröhlich nach der Abschlußfeier der diesjährigen Sommerschreibwerkstatt aufgebrochen, um möglichst schnell in mein Bett zu kommen. Hatte mich mit Gepäck durch die Partymeute auf der Warschauer Brücke gekämpft und danach registriert, daß ich mich ab Möckernbrücke auf Schienenersatzverkehr einstellen mußte. Gerade fing mein Walkman an, mir leise Tönen ins Ohr zu schmeicheln, als ich keinen Ton mehr davon vernahm. Die Box der feierwilligen Meute war lauter. Gerne hätte ich den Waggon gewechselt, doch wie, ohne beim Umsteigen zu riskieren, nicht schnell genug zu sein. Dafür mußte ich mir anhören, was für ‘n Spielverderber ich sei. Klar, mein Koffer stand auf ihrer Tanzfläche, aber der stand ja schon da, bevor es eine wurde.

Ich glaub, für manche Sachen bin ich inzwischen wirklich zu alt.

 

zeitnäher

zeitferner

 

Das Bockblog bleibt bis auf weiteres oldschool also Web 1.0, soll heißen, eine Kommentarfunktion gibt es nicht. Das soll meine Leserinnen und Leser aber nicht davon abhalten, mir Meinungen und Anmerkungen per E-Mail kundzutun. Diese mache ich dann hier auch öffentlich.